2. Individuation
2.1. Ursprungseinheit und Herauslösen des individuellen Ichs aus der Kollektivpsyche
2.2. Die Integration des
Schattens
2.3. Die Integration der archetypisch männlichen Seelenanteile
2.4. Ein Exkurs zum Mythos von Parzival
2.5. Die Selbstwerdung
3. Ergänzende Bemerkungen
4. LiteraturverzeichnisAuszüge aus dem Inhalt:
1. Hinführung
Der Lebensgang des Menschen auf dem Wege der Bewusstwerdung ist geprägt vom einem beständigen Erringen
von neuen seelisch-geistigen Qualitäten und Fähigkeiten. Nicht selten trägt dieser Gang Züge von „innerem Kampf“. Insofern liegt die Frage nahe, welche Möglichkeiten die Initiatische Schwertarbeit als
Weg-Arbeit mit einem „Kampfinstrument“ für diesen Entwicklungsprozess eröffnet...
2. Individuation
Der Begriff Individuation wurde von C. G. Jung in die Psychologie eingeführt. Er
umfasst eine ganze Reihe von Bedeutungsaspekten: Zunächst bedeutet der Individuationsprozess das Herauslösen des Individuums aus dem Kollektiv mit dem Ziel, Einzelwesen und Individualität zu werden.
Individualität sein bedeutet, einmalig zu sein, bedeutet „In-dividuum“ im Sinne von „unteilbar eins“ zu sein. In dieser Weise Individuum zu werden ist ein Weg, ein Prozess der Entwicklung und Bewusstwerdung,
dessen Zielbild der vollständige Mensch in seiner Ganzheit darstellt. Individuation ist der Weg der Menschwerdung und meint die Verwirklichung des „höheren Menschen“. Der Individuationsprozess ist ein jeden
Menschen betreffender „Reifungs- und Entfaltungsprozess“, der die psychische Parallele zum Wachstums- und Entfaltungsprozess des Körpers bildet. Große Teile von Jungs Schaffen widmen sich den Phänomenen und
Gesetzmäßigkeiten auf diesem Weg.
2.1. Ursprungseinheit und Herauslösen des individuellen Ichs aus der Kollektiv-Psyche
Am Beginn dieses inneren Werde-Prozesses finden wir das Stadium der
Ursprungseinheit, die Einheit von Geborenem und Gebärendem; biographisch ist dies die Einheit von Kind und Mutter. Der Mythos fasst diesen Zustand ins Bild des Menschen im Paradies, in einer vollkommenen und
unzerstörten Welt; viele Schöpfungsmythen zeugen davon. Im Märchen finden wir oft als Ausgangssituation die Geborgenheit gebende Familie mit Kindern, von denen meist das dritte dann auszieht, um die
Abenteuerfahrt des eigenen Weges zu bestehen. Die psychische Situation, in das ununterschiedene Ganze eingebunden zu sein, zeigt sich auf sozialer Ebene im Stamm, in der Familie oder im Kollektiv der
Gesellschaft.
Die erste Etappe auf dem Weg, Individuum zu werden, ist das Bewusstwerden dieser Eingebundenheit in die Kollektivpsyche und das allmähliche Herauslösen aus ihr. Dies ist eine
Leistung des individuellen Ichs, das sich zu unterscheiden beginnt von allem anderen: „Das bin ich und das bin ich nicht“, „jenes ist mein Standpunkt und das andere nicht“. Das Individuum fängt an, das zu
hinterfragen, was ihm von den Eltern oder Erziehern an Handlungsrichtlinien mitgegeben wurde und was ihm vorgelebt wurde. Der Mensch setzt sich mit den an ihn gestellten Erwartungen, wie er zu sein habe,
auseinander und versucht, einen eigenen Weg zu finden, das heißt zu einer eigenständigen, individuierten Persönlichkeit zu werden, die sich in innerer Freiheit entwickeln kann.
Um dies zu
leisten, bedarf es einer sich entfaltenden Ich-Kraft, die sich durch jeden Sieg im inneren Kampf verstärkt. Jedes Bestehen einer inneren Aufgabe bedeutet einen Zugewinn an Eigenständigkeit und
Differenzierungsvermögen. In den Heldenmythen finden sich mannigfache Beispiele dafür: Perseus im Kampf mit der schlangenhäuptigen Medusa, Herakles und seine zwölf Heldentaten, Gilgamesch, Parzival oder
Siegfried. Das Instrument der letzten beiden ist ausgesprochenermaßen das Schwert.
Im Siegfried-Mythos wird ausgedehnt darüber berichtet, wie Siegfried zu seinem Schwert kommt und wie er in
härtestem Kampf einen übermächtigen Drachen besiegt. Der Drachenkampf beschreibt im Mythenbild, wie das Individuum, hier Siegfried, sich mit den Kräften des Unbewussten, des „Kollektiven Unbewussten“ wie
Jung es nennt, auseinandersetzt, wie es sich dem Unbeherrschbaren zur Wehr setzt und schließlich über diese Kräfte den Sieg davonträgt: Jetzt ist er in der Lage, sie zu beherrschen. Die Frucht dieses Kampfes
ist Siegfrieds Unverletzbarkeit: Er badet im Blut des getöteten Drachens und wird bis auf eine kleine Stelle am Rücken unverwundbar und damit unbesiegbar. Auf der psychischen Ebene bedeutet dies, dass seine
Ich-Kraft so stark geworden ist, dass er von den feindseligen Kräften des Unbewussten – und all die anderen Gestalten des Mythos' sind Abbilder dieser unbewussten Kräfte – nicht mehr überschwemmt werden kann
und dadurch in seiner Eigenständigkeit als Person gefährdet wäre.
Für diesen Prozessabschnitt stellt die Schwertarbeit wesentliche Hilfen bereit, geht es doch darum, den Umgang mit dem „Instrument des
Helden“, dem Schwert, zu erlernen. Vier Aspekte seien hier näher betrachtet: Standfestigkeit, Krafteinsatz, Bewusstheit und Aufrichtung...
2.3. Die Integration der archetypisch männlichen Seelenanteile
Eine weitere wichtige „Etappe des Individuationsprozesses ist gekennzeichnet durch die Begegnung mit der Gestalt des 'Seelenbildes', von Jung beim Mann die Anima, bei der Frau der Animus genannt. Die
archetypische Figur des Seelenbildes steht jeweils für den komplementär-geschlechtlichen Anteil der Psyche.“
Da das Schwert dem Symbolkreis des archetypisch Männlichen angehört, stärkt die
Schwertarbeit ebendiese archetypisch männlichen Qualitäten im Menschen – im Mann wie in der Frau...
2.4. Ein Exkurs zum Mythos von Parzival
Der Mythos von Parzival zeichnet in seiner reichen
Bildersprache des Mittelalters den Weg des Ritters nach. Parzivals Weg enthält viele archetypische Weg-Stationen des Individuationsprozesses. Er bietet daher Orientierungshilfe für den Mann in seinem
Prozess, sich als Mann zu entwickeln. Zugleich beschreibt er Stationen des Menschwerdungsweges an sich, die geschlechtsunabhängig Gültigkeit besitzen. In groben Umrissen seien hier die wichtigsten Momente
nachskizziert. Ich orientiere mich hierbei am Gang der Handlung aus Wolfram von Eschenbachs epischem Roman „Parzival“...
2.5. Die Selbstwerdung
Die letzte Etappe des Individuationsweges ist die
der „Selbstwerdung“. Das Selbst ist das Zentrum der gesamten Psyche des Menschen, während das Ich lediglich das Zentrum seines Bewusstseins ist. Erst wenn das Selbst als Mittelpunkt gefunden ist, kann von
einem „runden“, einem vollständigen Menschen gesprochen werden. Erich Neumann nennt in Anlehnung an C. G. Jung den Bezug zwischen beiden die Ich-Selbst-Achse. Seinen Ausführungen zufolge kann man den
Individuationsprozess so beschreiben, dass sich das Ich immer mehr dem Selbst als gesamtmenschliche Mitte annähert. In anderen Worten: Das Ich wird mehr und mehr zum „Ich bin“.
Die Schwertarbeit
hat zunächst eine Ich-stärkende Wirkung. Die Entwicklung der Ich-Kraft stellt aber lediglich eine Art Zwischenziel dar, allerdings ein unverzichtbares, ohne das das Endziel nicht zu erreichen ist. Letztlich
geht es um den Prozess der Einbettung des Ichs in das Gesamtgefüge des „Ich bin“. Ohne eine gut verankerte Personmitte ist der Mensch nicht fähig, die Kräfte und Qualitäten des Geistigen wirklich auf sich zu
beziehen und mit ihnen heilbringend umzugehen...
3. Ergänzende Bemerkungen
Die Schwertarbeit ist so konzipiert, dass die konkrete Erfahrung im Mittelpunkt der Arbeit steht. Oftmals erlebe ich
Menschen im therapeutischen Setting, die über ihre Problematik ziemlich genau Bescheid wissen, sich dieser Tatsache sogar bewusst sind und dennoch sie nicht verwandeln können. Erst die Konkretheit der
Übungserfahrung vermittelt ihnen einen neuen, lebensnahen Bezug zu sich. Ja, mehr noch: Über die rein mental bewusstmachende analytische Arbeit hinaus, können bestimmte einzelne Aspekte in die Übung genommen
werden. Der im Prozess befindliche Mensch ist der Dynamik des Individuationsprozesses nicht einfach nur ausgeliefert, sondern kann unter kundiger Anleitung lernen, spezielle Seelenqualitäten herauszubilden.
Dieses Herangehen bringt in der Regel eine gesteigerte Intensität und Effizienz in den therapeutischen Prozess...
Zur Entwicklung bestimmter innerer Fähigkeiten gehört auch die
Auseinandersetzung mit den Mechanismen und den darunterliegenden Gefühlen, die diesem Entwickeln entgegenstehen. Ein einfaches und allgemein gehaltenes, weil immer wieder so auftauchendes Beispiel aus der
therapeutischen Praxis soll dies erläutern: Ein Mensch hat im Kindheitsalter Gewalt – gegen sich oder gegen andere – erfahren. Er selbst lehnt heute Gewaltausübung ab, hat aber selbst Mühe, Zugang zu seiner
eigenen Kraft zu bekommen. Aus Angst vor seinem eigenen Aggressionspotential ist quasi zugleich der Zugang zur eigenen Kraft versperrt. Er erlebt sich wieder und wieder in der Rolle des Erleidenden, des
Reagierenden oder desjenigen, dem etwas geschieht und nicht desjenigen, der etwas in die Hand nimmt und gestaltet. Eine Differenzierung zwischen ausgeübter Kraft und Gewalt oder Aggression ist ihm nicht
möglich. Jener Zugang eröffnet sich erst im Zulassen, Erleben und Zu-sich-Nehmen des erlittenen Schmerzes sowie im Wahrnehmen und Annehmen der nicht zugelassenen Wut über das Erlebte. Dieses Nachspüren und
Durchleben geschieht oft unvorhergesehen, gelegentlich überraschend heftig. Dabei flackern jene verdrängten Empfindungen noch einmal auf, als würden sie ihre Ladung abgeben, die sich durch das Verdrängen
über lange Zeiträume so sehr verdichtet und angestaut hat. Anschließend geben sie den vormals verstellten Bezug zur selbst ausgeübten und verantworteten Kraft in neuer Qualität frei. Was hier in kurzen
Worten beschrieben ist, ist oft ein Geschehen von enormer Erlebensdichte mit Zuständen von großer Angst und tiefem Schmerz, von Fassungslosigkeit, Orientierungslosigkeit und Ausweglosigkeit, die manchmal nur
durch die Unterstützung eines wegbegleitenden Menschen durchzustehen sind. Und so bitter dies klingen mag: Ohne das Durchleben und Durchstehen jener seelischen Schattenstrecken ist weder ein
Individuationsweg vollständig noch der hier beschriebene Schwert-Weg. Paradoxerweise sind es oft diese leidvollen Erfahrungen, die das größte Reifungspotential und die stärksten Wandlungsimpulse in sich
tragen.
In nochmals anderen Worten gesagt, ist es das Anliegen dieses inneren Übungsweges, die Gegenwart eines Menschen – und nur in ihr leben wir wirklich – von den Belastungen der
Vergangenheit zu befreien...
Die geistige Tradition Japans kennt eine Vielzahl von Schwertschulen und Schwertdisziplinen. Heutzutage sind die bekanntesten das Kendo, das Iaido und das
Schwertaikido. Sie stammen aus dem fernöstlichen Kulturkreis und sind ursprünglich für Menschen gedacht, die ihre seelische Heimat dort haben. Zwar können westliche Menschen die verschiedenen Techniken
erlernen und sie als sehr bereichernd erfahren. Allerdings sollte der abendländische Mensch nie aus dem Auge verlieren, dass zur Entwicklung seiner Ganzheit ein Bewusstsein von Nöten ist, das die
Durchgestaltung der Individualität in all seinen Aspekten und das ureigene Person-Werden in der gelebten Alltagswelt impliziert...