Auszüge aus “Klarheit und Kraft”
2. Klarheit und Kraft als Grundqualitäten der Schwertarbeit Wenn wir an einen Menschen denken, der
das Schwert gekonnt zu führen versteht, dann sind zwei seiner Grundeigenschaften offensichtlich: seine Kraft und seine Klarheit. Dies bezieht sich zunächst auf seine technischen
Fertigkeiten im Umgang mit dem Schwert, jedoch wird verständlicherweise auch seine Persönlichkeit diese Charakterzüge widerspiegeln. Der Ansatz der Initiatischen Schwertarbeit zielt
darauf hin, dass sich jeder Mensch im übenden Umgang mit dem Schwert diese Eigenschaften als eigene Seelenqualitäten zugänglich machen beziehungsweise in sich entwickeln kann: Kraft
als Lebenskraft, Tatkraft, aktive Vitalkraft und Persönlichkeitsstärke sowie Klarheit
als selbstbewusste Entschiedenheit in Wort und Tat, als Klarheit der Person und seines Bewusstseins. Klarheit und Kraft sind die Grundqualitäten, die alle weiteren Erfahrungsinhalte in sich vereinen. Wie diese Qualitäten in der Praxis zur Entwicklung kommen können, möchte ich in den folgenden Kapiteln darlegen.
6. Der Körperbezug Der körperbezogene Ansatz der Schwertarbeit erweist sich immer wieder als sehr fruchtbar, weil er von einer erlebten Erfahrung ausgeht, die
die beim westlichen Menschen meist stark ausgeprägte mentale Ebene "unterläuft" und ihm zu einem unmittelbaren Spüren verhilft. Diese körperorientierte Arbeit wirkt ganz vom
Elementaren her und schafft für den heutigen Menschen, insofern dieser oft sehr von seiner Körperlichkeit und Vitalität entfernt ist, einen heilsamen Ausgleich. Die Schwertarbeit
bietet die Möglichkeit, gestauten Kräften oft bestehen sie aus unbewusst blockierten und unverarbeiteten Aggressionen eine Form zu geben, in der sie sich ausdrücken und
gegebenenfalls auch entladen können. Dies wird meist als befreiend und zugleich stärkend erlebt. Diese Kräfte werden handhabbar und verantwortbar, weil sie nicht mehr aus Angst nur
unterdrückt werden müssen. Der Übende lernt sie kennen, und dadurch verlieren sie ihre "Gefährlichkeit". Sie können sich verwandeln und stehen ihm als lebendiges und
schöpferisches Kraftpotential zur Verfügung...
7. Die Praxis der Initiatischen Schwertarbeit In der Praxis der Initiatischen Schwertarbeit wird
dem erfahrenden Tun in den Schwertübungen, dem empfindenden Nachspüren und dem In-Bezug-Setzen zum eigenen Personsein gleichermaßen Aufmerksamkeit geschenkt. Die Schwertarbeit kann
ihre Wirkkraft im Entwicklungsprozess eines Menschen nur dann voll entfalten, wenn diese seelischen Qualitäten und Empfindungen einbezogen werden. Innere Heilung
auf der seelisch-geistigen Ebene und damit eine ganzheitliche und dauerhafte Heilung ereignet sich immer im Wechselspiel zwischen bewusster Erfahrung und dem ganz persönlichen Erkennen, das den Bezug zum eigenen Entwicklungsweg schafft.
Je nach Person und Arbeitskontext kann die Gewichtung von konkretem Tun und Übungserfahrung einerseits und dem mehr therapeutischen Aspekt im reflektierenden und Bezug suchenden
Gespräch andererseits variieren. Wenn ich hier immer wieder vom Übenden spreche, so kommt darin zum Ausdruck, dass die Schwertarbeit in einer fortgeführten Arbeit ein
Übungsweg ist. Dieser Weg der Übung hat zweierlei Aspekte: Der eine Aspekt betrifft das Einüben bestimmter Fähigkeiten und innerer Qualitäten. Durch wiederholtes
Tun lässt sich beispielsweise eine klare Schwertführung einüben. Seelische Qualitäten wie Bei-sich-Sein können in den Focus der Aufmerksamkeit genommen und mit spürendem Bewusstsein
in sich wiederholender Weise eingeübt werden. Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass mit dem Übungsweg auch immer verbunden ist, sich auf einen inneren
Entwicklungsprozess einzulassen. Das übende Erarbeiten verläuft nicht getrennt vom sonstigen Leben. Das alltägliche Leben selbst stellt das Feld dar, auf dem sich die im geschützten
Rahmen erübten Qualitäten bewähren sollen...
9. Die Herkunft und der Name der Initiatischen Schwertarbeit Die Initiatische Schwertarbeit ist
ursprünglich eine Arbeitsweise der Initiatischen Therapie, die von Maria Hippius-Gräfin Dürckheim und Karlfried Graf Dürckheim bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts begründet und
entwickelt wurde. Sie hat in ihrem Rahmen ihre erste Entwicklung genommen und beruht auf demselben geistigen Fundament. In einem kursorischen Satz zusammengefasst, vereinigt die
Initiatische Therapie den Ansatz der analytischen Komplexpsychologie von C. G. Jung und andere leib- und kreativtherapeutische Elemente mit östlichem Weisheits- und Erfahrungsgut
unter Einbeziehung der Zen-Meditation und anderer Übungswege. Zu diesen Übungsdisziplinen gehört auch die Schwertarbeit. Dieser Herkunft und Verwurzelung Rechnung tragend, erhielt die
Schwertarbeit die Bezeichnung "Initiatische Schwertarbeit". "Initiatisch"
leitet sich vom lateinischen "initiare" ab und bedeutet ursprünglich: "einen Zugang gewähren, einen neuen Anfang setzen". Initiare beschreibt in diesem Zusammenhang einen innerseelischen Vorgang, nämlich dass ein Mensch Zugang bekommt zu tieferen Seelenqualitäten in sich selbst, über die er das eigene Sein als grund-legend und tragend erfährt. Der Zielpunkt dieses Prozesses kann als Seinserfahrung bezeichnet werden, als Erfahrung, angeschlossen zu sein an die Quelle, aus der sich alles Leben speist. Wichtiger jedoch als die Frage nach dem Erreichen dieser Erfahrung der bewussten Teilhabe am Sein selbst erscheint mir die grundsätzliche Ausrichtung der Prozessarbeit auf diesen Zielpunkt hin. Der initiatisch-therapeutischen Arbeit liegt folgende Gesetzmäßigkeit zugrunde: Je tiefer eine innere Erfahrung einen Menschen anrührt und betrifft, desto umfassender, nachhaltiger und ganzheitlicher ist ihre Auswirkung auf den Ausübenden. Es geht also darum, sich immer weitere Seelenbereiche zu erschließen und die sich dadurch eröffnenden seelischen Möglichkeiten und Qualitäten zu differenzieren und auszugestalten. Die beiden Begriffe von
Initiation, der Tiefenerfahrung, und Individuation, der Verwandlung und Integration im persönlichen Werdeprozess, bezeichnen die Grundpfeiler des "initiatischen
Weges". Dafür bieten konkrete Medien einen entsprechenden Erfahrungsrahmen: Arbeitsweisen wie Personale Leibtherapie, Geführtes Zeichnen, Arbeit mit Tonerde, mit Farbe, mit
Musik, mit Bewegung und Schwertarbeit. Alle Arbeitsweisen innerhalb der Initiatischen Therapie orientieren sich an der oben beschriebenen Grundausrichtung. Sie
versuchen einen solchen Prozess anzuregen und zu unterstützen, in dem sich Schritt um Schritt, einer inneren Gesetzmäßigkeit folgend, seelisch-geistige Tiefenkräfte erschließen, die
wiederum in die Individualität integriert und im Alltag gelebt sein wollen. Die Initiatische Schwertarbeit bedient sich des Schwertes als Instrument, um im Umgang damit einen Menschen
auf diesem inneren Weg der Klärung und der Verwurzelung in sich selbst zu begleiten...
14. Die spirituelle Dimension in der Schwertarbeit Es mag
zunächst seltsam anmuten, eine Arbeit, die mit einem Schwert umgeht, und das Schwert ist nun einmal eine Waffe, mit der Macht und Gewalt ausgeübt und getötet werden kann, in den
Kontext einer spirituellen Arbeit zu stellen. Diese Frage stellt sich speziell hinsichtlich der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit besonderem Nachdruck.
Zuerst gilt es zu fragen, was Spiritualität eigentlich ist
beziehungsweise was ich persönlich darunter verstehe. Darüber gibt es eine Vielzahl von Anschauungen. Meine eigene Betrachtungsweise hat ihre Wurzeln in meiner eigenen Weg-Suche, in meinen spirituellen Erfahrungen und auch in meiner weitreichenden geistig-intellektuellen Beschäftigung mit diesem Thema. Sie sei hier vom großen Bogen her nachgezeichnet und den weiteren Ausführungen vorangestellt. Im Hinblick darauf, dass die Spiritualität ein äußerst sensibles Thema ist, weil es jeden Menschen so zentral betrifft, ist es mir ein Anliegen, darauf hinzuweisen, dass die Wirksamkeit der Schwertarbeit nicht davon abhängt, dass ein Ausübender meine Ansichten teilt. Sie mögen als Verstehenshilfen oder als Anregungen verstanden werden, und jedem steht es frei, sie zu übernehmen, sie abzulehnen oder auch sie nur teilweise in die eigenen Anschauungen einzugliedern. In der konkreten Schwertarbeit steht zunächst das praktische Tun im Vordergrund.
Den meisten religiösen Richtungen ist gemeinsam, dass sie von einer ewigen Seele im Menschen ausgehen, die auch über seinen physischen Tod hinaus Bestand hat. Die
Begriffe dafür sind in diesen Traditionen verschieden. In diesem ewigen Kern hat der Mensch teil am transzendenten Sein, am göttlichen Bereich auch dafür existieren mannigfache
Bezeichnungen. Nicht zu leugnen ist, dass nicht der ganze Mensch, sprich alle seine Seelenanteile, in Verbindung zu jenem tiefsten Ursprung stehen. Alles spirituelle Streben ist auf
die Wiedervereinigung oder Neu-Vereinigung mit dem Göttlichen ausgerichtet, die die Mystiker die "unio mystica" nennen. Menschliches Leben wird letztlich erst dann wirklich
sinnerfüllt, wenn es die Dimension des Göttlichen einbezieht. Darin wird ein innerer Weg zum spirituellen Weg. Diesem göttlichen Ursprung des Menschen steht die Realität
seines Daseins in dieser physischen Welt gegenüber, in der er sich als einzelner zurechtzufinden, seinen Platz zu finden und zu wirken aufgerufen ist. Dadurch ist ein enormes
Spannungsfeld gegeben, dessen es zunächst einmal in seiner ganzen Tragweite bewusst zu werden und das es auszuhalten gilt. Gerade darin offenbart sich aus spiritueller Sicht die
Aufgabe, "in der Welt Zeuge zu sein für das 'Überweltliche'". In diesem Sinne ist mir der Ansatz einer lebendigen und weltzugewandten Spiritualität sehr nahe.
Zum Menschsein gehört die Tatsache, dass wir in einem Körper leben. Besonders in weiten Teilen der christlichen Tradition herrschte und herrscht teilweise noch eine gewisse
Leibfeindlichkeit oder zumindest eine Abwertung des Körpers. Die Redeweisen gehen vom Körper als dem "Bruder Esel" über den "Körper als Gefängnis der Seele" bis
dahin, dass alles Körperliche teuflisch und das Dasein im Körper ein zu überwindendes Übel ist, der Körper also dementsprechend kasteit, ignoriert oder vom Seelenleben abgespalten
behandelt werden muss. Demgegenüber ist meines Erachtens eine Haltung der liebenden Zuwendung und Beachtung des Körpers Voraussetzung dafür, dass "der Leib zum Tempel für den
Heiligen Geist" werden kann. Erst eine solche Haltung ermöglicht es, dass es zu einer Durchdringung des Leibes bis in seine tiefen Schichten und ein Durchlässigwerden für die
wahre Gestalt des Menschen kommen kann. Jede Abwertung des Körpers bindet den Menschen unbewusst an ihn. Derjenige, der einen vollständigen und umfassenden
spirituellen Weg zu gehen bereit ist, kommt nicht um die Integration seiner vielfältigen psychischen Aspekte herum. All die Schwierigkeiten, die wir um Laufe unserer Biographie
durchleben, prägen unser emotionales Verhältnis zu unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und uns selbst. In dem Maße, in dem all die Ungeklärtheiten und Verstrickungen unserer
psychischen Innenwelten durchgearbeitet sind, kann sich unser reines Wesen zeigen und nach außen strahlen. Bleiben die psychischen Ungereimtheiten bestehen, so verdunkeln und
verstellen sie unser Sein als Mensch. Hat ein Mensch die Kräfte, für die das Schwert steht, in sich integriert, so ist er befähigt, sie verantwortungsbewusst und zu
seinem eigenen Wohle und dem anderer Menschen einzusetzen. Sie stehen ihm als Schaffenskraft, als Geistesklarheit, als Persönlichkeitsstärke zur Verfügung. Ihm ist auch bewusst, dass
ein Missbrauch jener Möglichkeiten anderen Menschen und letztlich ihm selbst schaden würde. Die Praxis der Initiatischen Schwertarbeit trägt diesem Entwurf eines
spirituellen Weges insofern Rechnung, als sie eine Durcharbeitung jener drei aufgezeigten Bereiche des Menschseins des Körperlichen, des Seelischen und des Geistigen zum Inhalt
hat und eine Synthese anstrebt. Zurück
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